Bloßgestellt – und trotzdem sichtbar werden: Die Kunst, Mensch zu sein

Was passiert, wenn eine alte Erfahrung uns bis heute davon abhält, uns wirklich zu zeigen?

Vielleicht kennst du dieses Gefühl:

Du möchtest etwas sagen – und plötzlich ist da dieser Gedanke:

Was soll ich jetzt sagen?
Ist das richtig formuliert?
Was denken die anderen über mich?
Was, wenn ich mich blamiere?
Was, wenn sie merken, dass ich gar nicht so viel weiß, wie sie vielleicht denken?

Genau darum geht es in meiner ersten Folge meiner neuen Videoreihe „Die Kunst, Mensch zu sein“.

Und ich beginne bewusst mit einem Thema, das mich selbst immer wieder berührt: Bloßgestellt werden. Verletzlichkeit. Sichtbarkeit. Und die Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich – unabhängig davon, was andere von mir erwarten?

Bloßgestellt – eine Erfahrung, die bleiben kann

Ich erinnere mich an eine Situation aus meiner Schulzeit.

Ich hatte im Unterricht Quatsch gemacht und wurde daraufhin nach vorne an die Tafel gerufen. Der Lehrer wollte, dass ich Deutschland auf der Weltkarte zeige.

Ich konnte es nicht.

Ich wusste nicht, wo Deutschland auf dieser Karte war.

Heute muss ich darüber schmunzeln. Damals war es einfach eine Situation, in der ich vorne vor der Klasse stand und nicht wusste, was von mir erwartet wurde.

Vielleicht haben andere gelacht. Vielleicht haben sie gedacht: Wie kann man das nicht wissen?

Ich erinnere mich nicht einmal mehr genau daran.

Und genau das finde ich heute spannend.

Denn offensichtlich hat mein Verstand diese Situation trotzdem irgendwo abgespeichert. Jahrelang hatte ich die Erinnerung, dass sogar etwas in der Abizeitung darüber gestanden hätte.

Als ich später tatsächlich nachgesehen habe, stellte ich fest:

Es stand gar nicht drin.

Da musste ich lachen.

Denn genau so funktioniert unser Verstand manchmal.

Wir erleben etwas, interpretieren es – und irgendwann halten wir unsere Interpretation für die Wahrheit.

Aus einem Moment wird eine Geschichte.

Aus einer Geschichte wird eine Überzeugung.

Und aus einer Überzeugung kann irgendwann eine Identität werden.

Vielleicht wird aus

„Ich wusste die Antwort nicht“

irgendwann

„Ich bin nicht gut genug.“

Oder:

„Ich bin dumm.“

Oder:

„Ich darf nicht sprechen, wenn ich nicht sicher bin.“

Oder:

„Ich darf mich nicht zeigen, wenn ich nicht weiß, wie ich auf andere wirke.“

Was bleibt von einer Bewertung zurück?

Das Spannende ist: Nicht jeder Mensch verarbeitet eine solche Erfahrung gleich.

Bei mir war es damals gar nicht so, dass ich mich bewusst als beschämt erlebt habe. Ich hatte schon durch den Fechtsport Erfahrungen damit, im Mittelpunkt zu stehen. Ich war es gewohnt, mich zu zeigen.

Und trotzdem frage ich mich heute:

Was, wenn die eigentliche Verletzung gar nicht immer dort liegt, wo wir sie vermuten?

Vielleicht geht es manchmal weniger um die eigene Scham als um das Fremdschämen.

Vielleicht um die Angst, dass andere uns für dumm halten.

Vielleicht um die Erfahrung:

„Wenn ich etwas nicht weiß, verliere ich meinen Wert.“

Aber stimmt das wirklich?

Wenn ich etwas nicht weiß – verändert das meinen Wert als Mensch?

Wenn ich mich verspreche – bin ich dann weniger wert?

Wenn ich nicht perfekt auftrete – darf ich mich dann nicht mehr zeigen?

Ich glaube nicht.

Verletzlichkeit bedeutet nicht Schwäche

Genau hier beginnt für mich das Thema Verletzlichkeit.

Ich beschäftige mich schon länger intensiv mit diesem Thema und mit der Frage, was passiert, wenn wir aufhören, uns hinter Rollen, Perfektion und vermeintlicher Sicherheit zu verstecken.

Denn wir sagen heute oft:

„Sei authentisch.“

Aber was bedeutet das eigentlich?

Authentisch zu sein bedeutet für mich nicht, eine neue perfekte Version von mir selbst zu erschaffen.

Es bedeutet vielmehr, immer wieder zu fragen:

Wer bin ich in Wahrheit?

Und den Mut zu haben, diese Person auch zu zeigen.

Auch dann, wenn ich nicht weiß, wie das Gegenüber reagieren wird.

Auch dann, wenn mein Kopf sagt:

„Das kannst du doch nicht so sagen.“

Auch dann, wenn ich unsicher bin.

Auch dann, wenn ich mich verletzlich fühle.

Mein Kopf darf denken – aber er muss nicht entscheiden

Das ist eine Übung, die ich selbst immer wieder mache.

Ich beobachte meinen Kopf.

Mein Kopf denkt, ich müsste wissen, was ich jetzt sagen soll.

Mein Kopf denkt, ich sollte das besser formulieren.

Mein Kopf denkt, ich habe gerade den Faden verloren.

Und dann kann ich wahrnehmen:

Da ist dieser Gedanke.

Aber ich muss ihm nicht automatisch folgen.

Ich kann zurückkommen.

Zu meinem Körper.

Zu meinem Atem.

Zu dem, was gerade tatsächlich da ist.

Zu meinem Gefühl.

Zu mir.

Und plötzlich wird aus dem Gedanken

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“

nicht mehr ein Problem.

Sondern einfach eine Wahrnehmung.

Verletzlichkeit macht sichtbar, was wirklich da ist

Für mich bedeutet ehrliches Mitteilen genau das.

Nicht eine Geschichte über mich zu erzählen.

Sondern wahrzunehmen:

Was ist jetzt gerade in mir?

Vielleicht ist da Nervosität.

Vielleicht Freude.

Vielleicht Aufregung.

Vielleicht Angst.

Vielleicht Leichtigkeit.

Vielleicht ein Kloß im Hals.

Vielleicht ein Gedanke.

Vielleicht gar nichts Besonderes.

Und all das darf da sein.

Ich muss daraus nicht sofort eine perfekte Geschichte machen.

Ich darf einfach mitteilen, was gerade ist.

Und genau das habe ich auch in diesem Video ausprobiert.

Ich habe nicht vorher alles perfekt vorbereitet.

Ich habe mich hingesetzt und geschaut:

Was möchte durch mich gesprochen werden?

Und natürlich war mein Kopf dabei.

Er hat kommentiert.

Er hat bewertet.

Er wollte wissen, ob das gerade „richtig“ ist.

Aber ich habe ihn nicht zum Regisseur gemacht.

Die Angst vor dem Urteil anderer

Vielleicht ist das auch für dich ein Thema.

Du möchtest dich zeigen.

Mit deiner Meinung.

Mit deiner Geschichte.

Mit deinem Wissen.

Mit deiner Kreativität.

Mit deiner Arbeit.

Aber irgendwo in dir sitzt noch eine alte Stimme:

„Das darfst du nicht.“

„Das kannst du nicht.“

„Du bist nicht gut genug.“

„Was werden die anderen denken?“

„Was, wenn dich jemand auslacht?“

Und vielleicht stammt diese Stimme gar nicht aus deinem heutigen Leben.

Vielleicht hast du irgendwann gelernt, dass es gefährlich ist, dich zu zeigen.

Vielleicht wurdest du als Kind ausgelacht.

Vielleicht hat ein Lehrer zu dir gesagt:

„Du kannst nicht singen.“

Vielleicht hat jemand dein Bild gesehen und gesagt:

„Du kannst nicht malen.“

Vielleicht hast du etwas erzählt und wurdest nicht ernst genommen.

Vielleicht hast du gelernt:

Wenn ich mich zeige, werde ich bewertet.

Und deshalb hältst du dich heute zurück.

Aber du bist heute nicht mehr das Kind von damals

Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt.

Wir können heute überprüfen:

Ist das, was ich über mich glaube, wirklich noch wahr?

Oder wiederholt sich gerade nur eine alte Geschichte?

Ich bin heute erwachsen.

Ich darf neu entscheiden.

Ich darf sprechen.

Ich darf Nein sagen.

Ich darf meine Meinung haben.

Ich darf etwas ausprobieren.

Ich darf scheitern.

Ich darf mich zeigen.

Und ich darf mich verändern.

Eine alte Bewertung muss nicht zu meiner Identität werden.

Wer bin ich – unabhängig von den Erwartungen meiner Familie?

Ein weiterer wichtiger Zugang zu diesem Thema ist für mich die Familie.

Denn gerade dort lernen wir sehr früh, welche Rolle wir einnehmen.

Vielleicht bist du die Starke.

Der Vernünftige.

Die Angepasste.

Der Rebell.

Die Verantwortliche.

Derjenige, der alle zusammenhält.

Diejenige, die es allen recht macht.

Oder vielleicht bist du diejenige, die schon früh gespürt hat:

„Ich bin irgendwie anders.“

Und vielleicht hast du diese Rolle so lange gespielt, dass du irgendwann gar nicht mehr weißt:

Wer bin ich eigentlich ohne diese Rolle?

Deshalb begleitet mich eine Frage immer wieder:

Wer bin ich in Wahrheit – ganz unabhängig davon, was meine Familie von mir erwartet?

Diese Frage kann etwas in Bewegung bringen.

Denn vielleicht besteht unsere Entwicklung nicht darin, immer wieder eine neue Version von uns zu erschaffen, die anderen gefällt.

Vielleicht besteht sie darin, uns selbst anzunehmen.

Sichtbarkeit braucht Verletzlichkeit

Wir wünschen uns oft Sichtbarkeit.

Wir wollen gesehen werden.

Mit unserer Arbeit.

Mit unserem Unternehmen.

Mit unserer Botschaft.

Mit unserer Persönlichkeit.

Aber echte Sichtbarkeit bedeutet für mich mehr als Präsenz.

Sie bedeutet:

Ich erlaube dir, etwas Echtes von mir zu sehen.

Und genau deshalb gehört Verletzlichkeit für mich unmittelbar zur Sichtbarkeit.

Denn wenn ich mich nur zeige, solange alles kontrolliert, perfekt und unangreifbar ist, zeige ich vielleicht eine Rolle.

Wenn ich mich aber traue zu sagen:

„Ich weiß es gerade nicht.“

„Ich bin aufgeregt.“

„Das macht mir Angst.“

„Ich habe gerade den Faden verloren.“

„Ich freue mich.“

dann wird etwas Menschliches sichtbar.

Verletzlichkeit als Verbindung

Und genau darin liegt für mich ihre Kraft.

Wenn ich mich ehrlich mitteile, muss mein Gegenüber nicht mehr raten, was in mir passiert.

Es entsteht Raum.

Für Begegnung.

Für Verständnis.

Für Nähe.

Für Verbindung.

Wir sind soziale Wesen.

Wir brauchen Beziehung.

Und Beziehung entsteht nicht dadurch, dass zwei Menschen perfekt funktionieren.

Sie entsteht dort, wo Menschen sich wirklich begegnen.

Mensch zu Mensch.

Die Kunst, Mensch zu sein

Vielleicht ist das deshalb der Kern meiner neuen Videoreihe:

Die Kunst, Mensch zu sein.

Nicht perfekt sein.

Nicht alles wissen.

Nicht immer stark sein.

Nicht ständig funktionieren.

Sondern wieder spüren:

Was ist jetzt gerade in mir?

Was fühle ich?

Was denke ich?

Was brauche ich?

Was möchte ich mitteilen?

Und wer bin ich – jenseits all der Rollen, Erwartungen und Geschichten?

Für mich gehört dazu auch eine spirituelle Dimension.

Ich glaube daran, dass wir uns immer wieder mit etwas Tieferem in uns verbinden können – mit unserem inneren Wissen, unserem Vertrauen, unserer eigenen Quelle.

Für mich ist das die Verbindung mit meinem göttlichen Bewusstsein.

Das hat für mich nichts damit zu tun, dass ich deshalb alles wissen muss.

Im Gegenteil.

Vielleicht bedeutet Vertrauen gerade:

Ich muss nicht wissen, was als Nächstes kommt.

Ich darf den nächsten Schritt gehen.

Vielleicht ist heute dein nächster Schritt dran

Deshalb möchte ich dir eine Frage mitgeben:

Wo hältst du dich noch zurück, weil du Angst vor Bewertung hast?

Wo denkst du:

„Ich darf das nicht sagen.“

„Ich bin nicht gut genug.“

„Ich muss erst mehr wissen.“

„Ich darf mich erst zeigen, wenn ich sicher bin.“

Und dann frage dich:

Ist das wirklich meine Wahrheit?

Oder ist es eine alte Geschichte?

Eine alte Stimme?

Eine alte Erfahrung?

Vielleicht musst du nichts davon sofort verändern.

Vielleicht reicht es, erst einmal wahrzunehmen.

Und vielleicht kannst du dann einen kleinen Schritt in Richtung Sichtbarkeit gehen.

Ein ehrliches Gespräch.

Ein ausgesprochenes Gefühl.

Ein klares Nein.

Eine eigene Meinung.

Ein Video.

Ein Bild.

Ein Text.

Eine Bitte um Hilfe.

Oder einfach der Satz:

„Ich weiß es gerade nicht.“

Auch das kann unglaublich mutig sein.

Ich darf mich zeigen, auch wenn ich unsicher bin

Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich selbst aus diesem Thema mitnehme:

Ich muss meine Unsicherheit nicht erst loswerden, um mich zeigen zu dürfen.

Ich darf unsicher sein und sichtbar.

Ich darf Angst haben und handeln.

Ich darf nicht wissen, was als Nächstes kommt und trotzdem sprechen.

Ich darf verletzlich sein und gleichzeitig stark.

Denn Verletzlichkeit ist für mich keine Schwäche.

Sie ist die Bereitschaft, mich wirklich berühren und sehen zu lassen.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas Neues:

Ich verstecke mich nicht mehr vor dem Leben, sondern begegne ihm.

Mensch zu Mensch.

Mit allem, was gerade da ist.

Das ist für mich die Kunst, Mensch zu sein.


Eine Frage an dich

Wo hast du in deinem Leben einmal gelernt, dass es nicht sicher ist, dich zu zeigen?

Und glaubst du diese Geschichte heute noch?

Vielleicht magst du dir ein paar Minuten nehmen und einfach schreiben:

„Wer bin ich in Wahrheit – unabhängig davon, was andere von mir erwarten?“

Nicht um eine perfekte Antwort zu finden.

Sondern um dich selbst wieder ein Stück mehr zu hören.

Bis gleich,
deine Vera